Der 20. Deportationszug

Im Sommer 1942 beginnen die Deportationen der belgischen Juden in die Vernichtungslager. In 28 Transporten werden bis Kriegsende 24.916 Juden und 351 Sinti und Roma meist nach Auschwitz verschleppt. Die Dossin-Kaserne in Mechelen wird als zentrales Sammellager für die jüdische Bevölkerung Belgiens genutzt und ist Ausgangspunkt der Deportationen.

Am Abend des 19. April 1943 verlässt der 20. Deportationszug die Dossin-Kaserne in Mechelen in Richtung Auschwitz. Es ist ein außergewöhnlich großer Transport. In 30 Viehwaggons werden 1.636 Menschen darunter 242 Kindern eingepfercht. Der älteste Jacob Blom ist 91 Jahre alt, die jüngste Suzanne Kaminsky wurde vor 39 Tagen geboren.

Bis dahin wurden stets Personenwaggons der 3.Klasse genutzt, bei denen die Flucht aus den Fenstern möglich war. Um diese zu erschweren besteht der 20. Deportationszug ausschließlich aus Viehwaggons, bei denen die Türen zusätzlich mit Stacheldraht gesichert sind. Trotz dieser Maßnahmen können im Verlaufe der Fahrt bis zur deutschen Grenze 232 Menschen aus dem Transport fliehen. 87 Personen werden gefasst und später deportiert. 26 Fliehende werden getötet. 119 Menschen gelingt schließlich die Flucht.

Schon im Sammellager bereiten einige der Inhaftierten ihre Flucht vor und verstecken Sägen, Feilen, Zangen, Messer und andere Werkzeuge im Lager. Schon kurz nach der Abfahrt in Mechelen beginnen Gefangene mit den Werkzeugen ihre Flucht vorzubereiten. Auch Regine Krochmal, eine 18-jährige Krankenschwester aus dem belgischen Widerstand kann fliehen. Sie sägt mit einem Brotmesser die hölzernen Stangen vor einer Belüftungsöffnung durch und springt aus dem fahrenden Zug.

Eine außergewöhnliche Befreiungsaktion ereignet sich in Boortmeerbeek etwa 30 km? von Mechelen entfernt. Drei Aktivisten aus dem belgischen Widerstand beschließen den Ablauf der Deportationen zu behindern und den Gefangenen zur Flucht zu verhelfen. Da sie von Seiten des organisierten belgischen Widerstand keine Unterstützung erfahren, führen sie diese Befreiungsaktion auf eigene Faust durch.

Youra Livschitz, Robert Maistriau und Jean Franklemon gelingt es den 20. Deportationszug anzuhalten. Mit einer improvisierten roten Signallampe, die an einer unübersichtlichen Stelle auf die Gleisen platziert wird, gelingt es den Zug zu stoppen. Während Youra Livschitz Schüsse in die Luft abgibt, um einen größeren Partisanenangriff vorzutäuschen, versuchen Robert Maistriau und Jean Franklemon mit Zangen die Verriegelungen an den Waggontüren zu lösen. Tatsächlich gelingt es einen Waggon zu öffnen, bevor die Übermacht der Wachmannschaften, einem 40-köpfigen Kommando deutscher Schutzpolizei zu groß wird.

17 Personen wagen schließlich die Flucht aus dem Waggon. Der jüngste ist Simon Gronowki ein elfjähriger Junge. Von den drei Befreiern mit ein wenig Geld und einem Lageplan ausgestattet, finden sie Versteck und Schutz in der belgischen Bevölkerung und können so den Krieg überleben.

Auch Youra Livschitz, Robert Maistriau und Jean Franklemon kehren zunächst unbehelligt nach Brüssel zurück, werden aber später verhaftet. Youra Livschitz wird am 2. Juni 1943 zum Tode verurteilt und erschossen. Robert Maistriau und Jean Franklemon überleben Folter und KZ-Haft.

Im weiteren Verlauf der Deportation des 20.Transportes, können noch über 200 weitere Menschen aus den Waggons entkommen.

Am 22. April 1943 erreicht der Zug Auschwitz. Bei der Selektion werden lediglich 521 Häftlingsnummern verteilt. Von den Menschen, die eine Nummer erhalten, überleben nur 152 den Krieg. Die anderen 883 Deportierten verschwinden spurlos.

Der Überfall auf den XX. Deportationszug ist das Thema des Buches Stille Rebellen von Marion Schreiber.

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