Allgemeine Informationen
zu Deportationen der Reichsbahn

zusammengestellt aus dem Film: „Räder müssen rollen, Fahrplanmäßig in den Tod“ von Pim Richter, mitwirkend A.Gottwaldt u.a., 1994 und weitere Recherchen


GFP

Die Deportationszüge sind alle öffentlich gezeichnet gewesen, entweder als Da für Deutsche Aussiedler oder Po für Polen oder PJ für polnische Juden, immer sind Schilder mit den Zielorten für jeden sichtbar außen angebracht, entweder mit den Ortschaften neben den Vernichtungslagern oder die Namen der Vernichtungslager selbst wie Auschwitz.

Alle jüdischen Deportierten mussten 50 Reichsmark an die SS oder SA bezahlen, die Reichsbahn selbst hat ihre Fahrtkosten mit dem Reichshauptsicherheitssamt (RSHA) abgerechnet. Zu Anfang berechnet sie den Dritte Klasse Tarif, ab 1942, nach der Wannseekonferenz, gibt es harte Verhandlungen zwischen RSHA und der Reichsbahn (RB), die zu einer Halbierung der Deportationskosten führen: bei einem Gruppentarif für die Deportation werden bei mehr als 400 Personen im Zug 2 Reichspfennige pro Person und km gezahlt, 1 Pf pro Kind unter 10 Jahren pro km und Kinder unter 4 Jahren werden kostenlos in den Tod transportiert, Leerfahrten werden nicht berechnet. Das bedeutet, dass die Bahn immer das Interesse hatte, die Wagen zu füllen, mit soviel Deportierten wie möglich oder mit der geklauten Habe der Deportierten oder mit den letzten Habseligkeiten bis hin zu den abgeschnittenen Frauenhaaren aus den Vernichtungslagern. Der Geschäftsbericht 1943 spricht von einer Steigerung der Einnahmen um 1/3 gegenüber dem erfolgreichen Vorjahr.

Sonderzüge zur Verfügung zu stellen, unterlag keiner Verpflichtung, die Aufträge hätten von der Dt. RB auch abgelehnt werden können. Sie wurden auf jeden Fall gesondert abgerechnet. Die Vernichtungslager selbst wurden danach ausgewählt, ob sie bahntechnisch günstig gelegen waren. Die Sammellager wurden in der Nähe der Deportationsbahnhöfe eingerichtet. Die Deportationen finden tagsüber statt, die Menschen werden zu fuß durch die Städte getrieben. Das RSHA bestellt die Züge beim Reichsverkehrsministerium, Eichmann regelt Sonderwünsche persönlich mit Novak, dem Chef der RB. Die Bahn stellt immer Sonderzüge zur Verfügung v.a. für die SS, selbst in Zeiten, in denen sie knapp mit Zügen ist. Z.B. im Sommer 1942 als die Großoffensive an der Ostfront beginnt.

Im Juli 1942 schließt die RB die Strecke nach Sobibor wegen Umbauarbeiten. Zu dieser Zeit soll die Aktion Reinhard stattfinden, in der die polnischen Juden vernichtet werden sollen, die Aktion droht zu scheitern, weil Sobibor und Treblinka als Mordfabriken dafür gebraucht werden. Die Nazis wenden sich an Dr. Albert Ganzenmüller, Parteigenosse und stellvertretender Chef der RB und es findet sich ein Weg, die Wünsche der SS werden erfüllt: täglich geht ein Zug mit 5000 Juden von Warschau nach Treblinka und 2 x wöchentlich ein Zug mit 5000 Juden von Warschau nach Belzyce, somit ist die Aktion Reinhard gesichert. Das Bahnhofspersonal in Malkinja, eine Stadt bei Treblinka, erhält eine Sonderzulage Zigaretten, weil der Wind den Leichengeruch rübertreibt.


Planbarkeit und Pünktlichkeit

Pünktlich um 10:48 kommen die Deportationszüge aus Berlin in Auschwitz-Birkenau an. In Treblinka müssen die Züge spätestens mittags ankommen, um 2000 Menschen am selben Tag ermorden zu können, die RB nimmt darauf Rücksicht. 12:10 kommen die Züge an.
Von Westerbork nach Sobibor fährt ein Zug pro Woche, mittwochs geht er ab, samstags kommt er an. Am Wochenende wird aber in Sobibor nicht gearbeitet d.h. nicht gemordet. Die Deportierten sollen aber möglichst am ankommenden Tag vernichtet werden. Nach 3 Wochen wird mit Hilfe der RB der Fahrplan geändert, jetzt fährt der Zug am Dienstag ab und erreicht die Mordfabrik am Freitag Mittag, die Menschen vor dem Wochenende getötet, 19 Züge aus Westerbork mit 34.000 jüdischen Menschen. Es sind alles normale Geschäftsvorgänge.

Bereicherung

Die zurücktransportierte Habe wird an verschiedene Empfänger verteilt. 735 Züge mit jüdischen Möbeln bringt die RB ins Reich, 1556 Waggons erhält die Bahn für ausgebombte Mitarbeiter, 1900 Waggons mit Kleidern, Schuhen, Wäsche und Spinnstoffen werden von Auschwitz ins Reich verschleppt, Haare –maschinell wird Filz daraus hergestellt, Haarfilz wird zu wärmenden Strümpfen verarbeitet, die Kriegsmarine und die dt. RB sind die größten Abnehmer für Haarfilz. Im Januar ´45 bringt ein Güterzug noch 514 000 Kleider ins Reich. Als die rote Armee sich Auschwitz nähert, schafft die RB noch zehntausende Häftlinge in Konzentrationslager ins Reich. Selbst ein Teil der Krematorien werden noch abgebaut und nach Groß Rosen mit der Bahn verfrachtet.

Fünf Millionen Jüdinnen und Juden wurden im Osten ermordet, mehr als die Hälfte durch die RB dorthin gebracht. Ihre Funktion war Voraussetzung für die Vernichtung. 2 – 3000 Züge wurden in die Vernichtungslager gefahren, jeder mit Lokführer, Heizer, Zugführer, -begleiter, also mit mindestens vier Reichsbahnern besetzt, diese Besatzung wurde bis in den Osten 2-3 x ausgewechselt.

Widerstand

Widerstand hat es von kommunistisch organisierten Arbeitern bei der RB gegeben v.a. Sabotage, aber dieser wurde schnell zerschlagen. Es ist kein Fall von Verweigerung oder Disziplinarstrafe bekannt.

Danach

Drei Wochen lang vor der Kapitulation wurden riesige Aktenberge im Reichsverkehrsministerium verbrannt und damit die meisten Spuren beseitigt. Für die RB gab es keinerlei Konsequenzen nach 1945, keine Entlassungen, kein Nachdenken, keine Strukturveränderung. Einige persönliche Beispiele:

Der einzig angestrengte Prozess 1973 gegen Dr. Albert Ganzenmüller, vormals Vizechef der RB und Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium, wird nach wenigen Verhandlungstagen wegen Verhandlungsunfähigkeit abgebrochen. Ganzenmüller war Teilnehmer am Hitler-Putsch 1923 in München. An sich sollte ein Reichsbahnprozess im Rahmen der Nürnberger Prozesse stattfinden. Dazu ist es nicht gekommen. Ganzenmüller befand sich seit dem 20.5.45 in einem amerikanischen Internierungslager, aus dem er Ende 1947 fliehen und sich nach Argentinien absetzen konnte. 1953/54 kehrte er nach Deutschland zurück und versuchte seine Pension als Staatssekretär einzuklagen, vergeblich. Er wurde Leiter der Transportabteilung der Firma Hoesch in Dortmund, organisierte den Wiederaufbau des durch den Krieg erheblich beschädigten Transportsystems und trat nach 13 Jahren 1968 in den Ruhestand. Die Justiz bequemte sich wegen Beihilfe zu Mord und Freiheitsberaubung gegen Ganzenmüller zu ermitteln. 1969 wurde er verhaftet, 2 Monate später hebt das LG Düsseldorf den Haftbefehl wegen mangelnden Tatverdachts auf. Nach Bemühungen der Staatsanwaltschaft wurde die Anklage doch noch zugelassen. Von der Haft bleibt er durch Stellung der Kaution von 300 000 DM verschont. Im April 1973 begann der Prozess, in dem Ganzenmüller seine Verantwortung für die „Judentransporte“ leugnete und behauptete, von dem Vernichtungszweck der Transporte keine Kenntnis gehabt zu haben. Im Mai 1973 stellt das LG das Verfahren vorläufig wegen Verhandlungsunfähigkeit ein. 1976 erfolgte die endgültige Einstellung und die Rückzahlung der Kaution. 1996 stirbt Ganzenmüller in München.

Initiative „die Bahn erinnern“

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